Reizdarmsyndrom: Differentialdiagnostik und Stellenwert von Atemtests
Reizdarm ist eine positive klinische Diagnose – aber keine „Alles-ist-Reizdarm“-Diagnose
Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist häufig, sollte jedoch nicht primär als Ausschlussdiagnose, sondern anhand typischer Symptomkonstellationen und gezielter Basisdiagnostik eingeordnet werden. Entscheidend ist, organische Ursachen mit ähnlicher Symptomatik konsequent mitzudenken. Leitlinien empfehlen insbesondere bei Diarrhö-betontem oder gemischtem Beschwerdebild die Abklärung auf Zöliakie sowie – je nach Konstellation – die Mitbeurteilung von entzündlichen Darmerkrankungen mittels Entzündungsmarker bzw. fäkalem Calprotectin [1].
Alarmzeichen wie Gewichtsverlust, rektale Blutung, Anämie, tastbare Resistenz, neu aufgetretene Beschwerden im höheren Alter oder eine positive Familienanamnese erfordern weiterführende Diagnostik [1].
- Zöliakie
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED)
- Mikroskopische Kolitis
- Gallensäurediarrhö
- Chronische Infektionen
- Laktose- und Fruktosemalabsorption
- Exokrine Pankreasinsuffizienz
- Schilddrüsenfunktionsstörungen
- SIBO / IMO (mikrobielle Fehlbesiedlung des Dünndarms)
Klinisch besonders relevant ist die ausgeprägte Symptomüberlappung: Blähungen, Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten und Nahrungsunverträglichkeiten sind unspezifisch und erlauben keine sichere Differenzierung ohne gezielte Diagnostik.
Atemtests haben ihren größten Stellenwert bei fermentationsassoziierten Beschwerden wie Meteorismus, Völlegefühl, postprandialen Symptomen und chronischer Diarrhö.

Sie dienen vor allem zwei Fragestellungen:
- Nachweis einer SIBO / IMO
- Nachweis einer Kohlenhydratmalabsorption
Internationale Konsensuspapiere und Leitlinien bewerten H₂/CH₄-Atemtests als nichtinvasives und klinisch nützliches Verfahren, sofern die Durchführung und Interpretation standardisiert sind [2, 3].
Für die Diagnostik von SIBO werden Glukose- oder Laktulose-Atemtests eingesetzt. Ein Anstieg des Wasserstoffs um ≥ 20 ppm innerhalb von 90 Minuten gilt als vereinbar mit SIBO, während ein Methanwert von ≥ 10 ppm auf eine methanogene Überwucherung (IMO) hinweist [2].
Testung sinnvoll bei:
- Motalitätsstörungen
- Postoperativen Zuständen
- Persistierenden Blähungen, Diarrhö oder Obstipation
Aussagekraft abhängig von:
- Darmtransitzeit
- Testvorbereitung
- Medikamenteneinflüssen
👉 Daher ist eine klinische Kontextualisierung zwingend erforderlich [2,3].
Atemtests ermöglichen den objektiven Nachweis einer Kohlenhydratmalabsorption und stellen damit eine wichtige Differentialdiagnostik des Reizdarmsyndroms dar [3, 6]. Entscheidend ist jedoch: Malabsorption allein ist nicht gleich Intoleranz!
Klinische Relevanz besteht nur bei:
- Nachweisbarer Gasbildung
- UND gleichzeitiger Symptomatik
👉 Dies verhindert unnötige diätetische Restriktionen und ermöglicht eine gezielte Ernährungstherapie [3,6].
Das Reizdarmsyndrom erfordert eine strukturierte Differentialdiagnostik, um relevante organische Ursachen nicht zu übersehen. Besonders wichtig sind die Abgrenzung zu Zöliakie, IBD, mikroskopischer Kolitis, Gallensäurediarrhö, Kohlenhydratmalabsorption sowie SIBO/IMO [1, 4, 5].
Vorteile von Atemtests:
Ihr größter Nutzen liegt in der Abklärung von:
- Blähungen
- postprandialen Beschwerden
- Diarrhö oder Obstipation
- vermuteten Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Sie ersetzen jedoch nicht die Basisdiagnostik und müssen immer im Kontext von Anamnese, Red Flags und ergänzender Diagnostik interpretiert werden [1–3].
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Literaturverzeichnis
- Lacy BE et al. ACG Clinical Guideline: Management of IBS. Am J Gastroenterol. 2021;116(1):17–44.
- Rezaie A et al. Hydrogen and Methane-Based Breath Testing … North American Consensus. Am J Gastroenterol. 2017;112(5):775–784.
- Hammer HF et al. European guideline on indications, performance … of hydrogen and methane breath tests. UEGJ. 2022;10(1):15–40.
- Schiller LR. Chronic diarrhea: diagnosis and management. Clin Gastroenterol Hepatol. 2018;16(4):515–522.
- Camilleri M. Bile acid diarrhea: prevalence, pathogenesis, and therapy. Gut Liver. 2015;9(3):332–339.
- Misselwitz B et al. Update on lactose malabsorption and intolerance. Gut. 2019;68(11):2080–2091.